13.10.2026

TKB-Branchengespräch 2026: Der unaufhaltsame Vormarsch des Gipses

Firmeninfos
18 hochkarätige Vertreter aus Handwerk, Industrie und Fachverbänden kamen zum jüngsten Branchengespräch der Technischen Kommission Bauklebstoffe (TKB) am 22. September 2026 beim Verband der Chemischen Industrie in Frankfurt zusammen. Auf eine feste Agenda wird traditionell bewusst verzichtet, um Raum für einen offenen Austausch über die aktuellen Herausforderungen und Chancen der Branche zu schaffen. Im Zentrum der intensiven Diskussionen standen unter anderem europäische Regulierungswellen, die Nachwuchs- und Verbandsarbeit, aktuelle Absatztrends zu Klebstoffen und Spachtelmassen sowie Neuerungen in der Normung.

Zu Beginn des TKB-Branchengesprächs dominierten die Belastungen durch wachsende Bürokratie und neue rechtliche Rahmenbedingungen das Gespräch. Zwar empfinden viele Industrievertreter die Vielzahl an neuen Vorgaben aus Brüssel – darunter die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR), die Green Claims Directive – auch als EmpCo-Richtlinie gegen Greenwashing bekannt –, oder die Verpackungsverordnung (PPWR) als zusätzliche Belastung. Demgegenüber gab es Stimmen dazu, dass genau diese Transformation eine enorme Chance bietet: Die im Vergleich zur Automobilindustrie überschaubare Größe der Bodenbranche erlaubt es, Hersteller, Zulieferer, Handel und Handwerk an einen Tisch zu bringen, was in anderen Branchen kaum möglich sei.

Ein zentraler Tenor in Frankfurt bestand darin, dass deutsche Alleingänge bei europäischen Verordnungen nicht ausreichen. Die in Deutschland erarbeiteten Ziele und Lösungen müssen konsequent auf europäischer Ebene platziert werden. Hierfür suchen die deutschen Industrieverbände verstärkt den Schulterschluss mit europäischen Partnern, etwa in Italien, Österreich, den Niederlanden und Belgien. Der internationale Zuspruch zeigt, dass das geschlossene und strukturierte Vorgehen der deutschen Industrie und des Handwerks im Ausland häufig als Vorbild wahrgenommen wird.

Marktentwicklung: Verlegewerkstoffe
behaupten sich in schwierigem Umfeld


Ein weiterer Schwerpunkt des Branchengesprächs war die Analyse der aktuellen Markttrends bei Verlegewerkstoffen, präsentiert anhand einiger relativer Beispielszahlen des Industrieverbands Klebstoffe (IVK). Trotz der allgemeinen Baukrise und spürbarer Rückgänge im Neubau zeigt sich das Sanierungs- und Renovierungsgeschäft vergleichsweise stabil. Während die Absatzmengen im Corona-Bauboom der Jahre 2021 und 2022 Höchststände erreichten, pendelten sich die Absätze 2026 auf einem soliden Niveau ein – vor allem im Vergleich zu den massiven Einbrüchen beim Estrich im Neubausektor.

„Bei den Klebstoffen für textile Bodenbeläge zeigt sich im ersten Halbjahr 2026 nach jahrelangem Rückgang erstmals eine Stabilisierung“, berichtete der TKB-Vorsitzende Dr. Norbert Arnold. Textilbeläge erfahren vor allem im Objekt- und Bürobereich sowie im maritimen Sektor eine Renaissance. Allerdings verschiebt sich die Verlegepraxis stark von der klassischen Bahnenware hin zu modularen Teppichfliesen, die aus logistischen Gründen vom Handwerk bevorzugt werden. Klebstoffe für PVC-Beläge, Kautschuk und Linoleum sowie für Parkett entwickeln sich nach wie vor robust und behaupten ihre Marktanteile.

Spachtelmassen: Gips umfasst rund
ein Viertel des Gesamtvolumens


Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung im Segment der Spachtelmassen. Die Gesamtabsatzmenge zeigt sich sogar leicht steigend, was vor allem auf dickschichtigere Anwendungen, die Einbringung von in den Bestandsestriche eingefräste Fußbodenheizungen und die Sanierung schwieriger Untergründe zurückzuführen ist. Hier hat sich in den vergangenen zehn Jahren eine fundamentale Verschiebung vollzogen: Während früher Zementspachtelmassen den Markt dominierten und das Verhältnis von Gips zu Zement bei etwa 1:8 lag, macht Gips mittlerweile rund ein Viertel des Gesamtvolumens aus. „In den vergangenen vier Jahren hat sich die Absatzmenge von gipsbasierten Spachtelmassen praktisch verdoppelt“, gab Dr. Arnold Einblicke in die Statistik.

Diese Entwicklung erklärt sich durch optimierte Rezepturen und verbesserte Leistungsprofile moderner Gipsmassen. Für das Handwerk bieten sie bei kritischen Altuntergründen hervorragende Verlaufs- und Anwendungseigenschaften. Regional gibt es zwar Unterschiede – so ist der Markt im Osten Deutschlands gipsaffiner als im Westen –, der Gesamttrend zu gips- und calciumsulfatbasierten Systemen ist jedoch eindeutig.

Generationenwechsel und Rückkehr
der Meisterpflicht als Chance


Neben den Regulierungsthemen stand die Zukunft des Handwerks und der Verbände im Fokus. Viele Verbände befinden sich im Umbruch und richten sich personell neu aus, so der Verband der Deutschen Parkettindustrie (VDP) mit seinem neuen Vorstand. Innovative Arbeitskreise – etwa im Marketing – zeigen bereits nach kurzer Zeit eine hohe Dynamik und Schlagzahl. Gleichzeitig wirft der gesellschaftliche und technologische Wandel die Frage auf, wie sich das Berufsbild des Boden- und Parkettlegers in den kommenden fünf bis zehn Jahren verändert. Eine Frage, die der Fachbereichsleiter Boden, Ronald Schenk, vom Bundesverband der vereidigten Sachverständigen (BSR) stellte. Der Trend bewegt sich vom klassischen Verleger hin zum Verleger mit Spezialwissen für Recyclingwirtschaft, Kreislauffähigkeit und Systemaufbauten. Das biete Vorteile in der Beratung von Architekten und Bauherrn.

Mit Blick auf den Handwerksnachwuchs betonten die Teilnehmer, wie wichtig es ist, junge Meister und Nachwuchskräfte in den Innungen und Verbänden einfach „machen zu lassen“, anstatt ihnen starre Vorgaben zu machen. Die Reaktivierung der Meisterpflicht Anfang 2020 zeigt zudem Wirkung: Die Meisterkurse erfreuen sich bei den Parkettlegern großer Nachfrage und auch die Zahl der Jungmeister nimmt zu. Für Gesprächsstoff sorgten jedoch die angespannten Lehrlingszahlen im Bodenhandwerk (Parkettleger -5,6 % auf 525 Azubis; Bodenleger +3,4 % auf 393 Personen, Stand: Februar 2026). Die Erfahrung von Ralf Vowinkel, Präsident des Zentralverbands Raum und Ausstattung (ZVR): „Als Ausbildungsbetrieb muss ich zunächst klären, ob der Lehrstellenbewerber zu mir passt. Dafür ist Probearbeiten eine gute Idee.“

Manfred Weber, Bundesinnungsmeister des Bundesverbands Parkett und Fußbodentechnik (BVPF), berichtete: „Auf der Liste der bevorzugten Berufe von Jugendlichen kommen der Parkettleger und der Bodenleger recht spät. Häufig geht es nicht um die Qualität, sondern um die Quantität – wer bewirbt sich überhaupt?“ Uwe Viebrock, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Fachverbands der Hersteller elastischer Bodenbeläge (FEB), erstellt einmal pro Jahr den Fortschrittsbericht der Ausbildungsinitiative „Das ist Bodenhandwerk“ (www.das-ist-bodenhandwerk.de). Die von der Initiative beauftragte Agentur DIM-Abteilung habe einen guten Job gemacht, die verschiedenen Berufe des Bodenhandwerks auf Social Media vorzustellen, damit Jugendliche die Berufsbilder überhaupt kennenlernen. Viebrock stellte klar: „Es werden zwar über www.das-ist-bodenhandwerk.de Ausbildungsplätze vermittelt, es müssten aber noch mehr sein.“

Praxisnahe Normungsarbeit und
Erfassung von Altuntergründen


Im Bereich der Normung und Merkblattarbeit berichteten die Experten über wesentliche Fortschritte. Ein zentraler Erfolg der gemeinsamen Arbeit von TKB und Handwerk ist die Überarbeitung wichtiger TKB-Merkblätter. Hierbei wurden Altuntergründe sowie bewährte Sonderkonstruktionen gezielt in den Fokus gerückt (TKB-Merkblatt 8). Aktualisiert wurde das TKB-Merkblatt 15 „Verlegen von Design- und Multilaybelägen“, das TKB-Merkblatt 16 „CM-Messung“ wurde auf die DIN EN 13892-10 „Prüfverfahren für Estrichmörtel und Estrichmassen“ angepasst und das TKB-Merblatt 20 „Übliche Sonderausführungen und Sonderkonstruktionen bei Fußböden“ in einen TKB-Bericht umgewandelt.

Damit wird klargestellt, dass die Sanierung von Altuntergründen eine völlig normale, fachgerechte Handwerksleistung darstellt und nicht automatisch juristisch als „nicht normgerechte Sonderkonstruktion“ eingestuft werden darf. Dies schützt das Handwerk vor unbegründeten rechtlichen Rügen durch Sachverständige oder Gutachter.

Holzpflaster muss nicht
mehr quaderförmig sein


„Parallel dazu steht die Normung für Holzpflaster (DIN 68702) vor dem Abschluss“, berichtete der Norm-Experte des Industrieverbands Klebstoffe, Dr. Thomas Brokamp. Die umfassende Überarbeitung bringt wichtige Klarstellungen: Holzpflaster muss künftig nicht mehr rein quaderförmig sein (auch hexagonale oder runde Formen sind abgedeckt), Unterseitennuten zur besseren Verklebung sind nun explizit erlaubt und auch dünnere Klötze ab 18 mm Stärke wurden integriert. Zudem liegt die Verantwortung für die Definition des Nutzungsklimas und der daraus resultierenden Einbaufeuchte nun eindeutig beim Planer, was das Handwerk rechtlich entlastet.

Über ein besonders starkes Engagement für Parkett berichtete auch Michael Schmidt, der Vorsitzende des Verbands der Deutschen Parkettindustrie (VDP). Der Verband veranstaltete am 18. November 2026 den 1. Deutschen Parkett-Tag bei den Meister-Werken in Rüthen, um Herstellern, Händlern und Handwerkern ein gemeinsames Forum zu bieten. Michael Schmid: „Unser neuer Vorstand denkt groß und wir wollen mehr Marketing für Parkett machen.“

Klarheit bei Begrifflichkeiten und
Rechtssicherheit bei Green Claims


Auch bei den Prüfnormen für Spachtelmassen und der Mitarbeit an den Estrichnormen (Normenreihe DIN 18560) geht die TKB voran. Durch klare Definitionen von Rohstoffen, angemischten Komponenten und erhärteten Massen wird eine einheitliche Nomenklatur geschaffen, um Sprachverwirrungen im internationalen und nationalen Bereich auszuräumen. Zudem wird beispielsweise von der TKB strikt zwischen Spachtelmassen und Estrichen unterschieden, was etwa Forderungen nach CM-Messungen auf dünnen Spachtelschichten hinfällig macht.

Zum Abschluss der Tagung wurde die Umweltgesetzgebung beleuchtet. Im Kontext der europäischen Green Claims Directive, bzw. EmpCo (Empowering Consumer Guideline), hat die Gemeinschaft Emissionskontrollierte Verlegewerkstoffe, Klebstoffe und Bauprodukte (GEV) vorausschauend gehandelt. Sämtliche Prüf- und Zertifizierungsprozesse für das Emicode-Siegel wurden juristisch überprüft und in den Satzungen so angepasst, dass Mitgliedsunternehmen gegen Abmahnungen durch Dritte abgesichert sind. „Der Emicode erfüllt alle Anforderungen der neuen EU-Richtlinien vollumfänglich“, fasste Dr. Thomas Brokamp zusammen.

Mit Volker Kettler, Vertreter des Verbands der Europäischen Laminatfußbodenherstelle (EPLF) und des Verbands der mehrschichtig modularen Fußbodenbeläge (MMFA), formulierte ein langjähriger Teilnehmer des TKB-Branchengesprächs abschließend eine Vision für die Bodenbranche: „Wir sind alle gefragt, neue Schritte zu wagen, Produkte einfacher und trivialer zu machen.“ Er rief dazu auf, den Kreis des TKB-Branchengesprächs zu nutzen, um neue Themen anzugehen.

Teilnehmer des TKB-Branchengesprächs 2026:

- Daniel Rendler (BEB)
- Michael Schlag (BEB/ZDB)
- Sven Neukirch (TKB)
- Ralf Wollenberg (BVPF)
- Jörg Baumann (BV Farbe)
- Dr. Jacqueline Lemm (TFI)
- Martin Glöckner (IVK)
- Dr. Norbert Arnold (TKB)
- Dr. Thomas Brokamp (IVK)
- Uwe Viebrock (FEB)
- Ronald Schenk (BSR)
- Ralf Vowinkel (ZVR)
- Michael Schmid (VDP)
- Volker Kettler (EPLF und MMFA)
- Anna Thomé (TKB)

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 TKB-Branchengespräch 2026: Der unaufhaltsame Vormarsch des Gipses
Foto/Grafik: SN-Verlag
18 Teilnehmer tauschten sich beim TKB-Branchengespräch 2026 in Frankfurt am Main aus.
 TKB-Branchengespräch 2026: Der unaufhaltsame Vormarsch des Gipses
Foto/Grafik: SN-Verlag
IVK-Geschäftsführer Martin Glöckner (links) und der TKB-Vorsitzende Dr. Norbert Arnold verfolgten die offene Diskussion.
 TKB-Branchengespräch 2026: Der unaufhaltsame Vormarsch des Gipses
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Das diesjährige TKB-Branchengespräch versammelte Vertreter aus Handwerk, Industrie und Fachverbänden beim Verband der Chemischen Industrie (VCI).
 TKB-Branchengespräch 2026: Der unaufhaltsame Vormarsch des Gipses
Foto/Grafik: SN-Verlag
Die relative Absatz-Entwicklung der Verlegewerkstoffe für Textilbeläge, PVC/Kautschuk und Parkett erläuterte der TKB-Vorsitzende Dr. Norbert Arnold.
 TKB-Branchengespräch 2026: Der unaufhaltsame Vormarsch des Gipses
Foto/Grafik: SN-Verlag
Erfolgsgeschichte von Gipsspachtelmassen: In den vergangenen vier Jahren hat sich die Absatzmenge von gipsbasierten Spachtelmassen fast verdoppelt.
 TKB-Branchengespräch 2026: Der unaufhaltsame Vormarsch des Gipses
Foto/Grafik: Uzin
Ein Beispiel für den Erfolg von Gipsspachtelmassen: Die faserarmierte Variante Uzin NC 585F stammt aus der Fusion Tec-Reihe.

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